14.5 C
Munich
Saturday, September 24, 2022

Neue Epidemie!: Einsamkeit trifft Millionen, lernen können wir von Großbritannien

Must read

Einsamkeit ist ein Problem, das schon vor Corona Millionen Menschen in Deutschland traf und durch die Pandemie wahrscheinlich massiv verstärkt wurde. Die FDP-Politikerin Claudia Cormann spricht im FOCUS-Interview über die gravierenden Folgen und erklärt, was Deutschland von Großbritannien lernen kann.

Claudia Cormann, 59, sitzt in einem Besprechungsraum im Düsseldorfer Landtag, auf dem Holztisch vor ihr liegt der Abschlussbericht einer Enquete-Kommission, die sich seit 2020 mit Einsamkeit und ihren Folgen im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen beschäftigt hat. 262 Seiten, gespickt mit pinken Haftnotizen. Die FDP-Politikerin hat sich Erkenntnisse markiert, die sie beschäftigen – und teilweise schwer beunruhigen.

Cormann: Die Zahlen sagen etwas anderes. Rund 12 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischer Einsamkeit, es handelt sich also um ein ernst zu nehmendes Problem. Allein in Nordrhein-Westfalen sind circa 15 bis 16 Prozent der Bevölkerung betroffen, man rechnet mit einer großen Dunkelziffer. Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das Wissenschaftler als „neue Epidemie“ der Industriestaaten bezeichnen. Und Corona hat es noch verstärkt.

Gibt es schon belastbare Erkenntnisse, wie sich Lockdowns und Kontaktbeschränkungen ausgewirkt haben?

Leider ist die Datenlage lückenhaft, die meisten Studien stammen aus der Zeit vor der Pandemie. Was da auf unser Sozial- und Gesundheitssystem zukommt, ist also noch gar nicht richtig zu fassen.

Depressionen sind häufige Folge von Einsamkeit – es kann jeden treffen

Ist Einsamkeit die neue Volkskrankheit Nr.1?

Die Auswirkungen sind jedenfalls dramatisch. Wer dauerhaft einsam lebt, leidet häufiger unter Depressionen und Herz-Kreislauf-Störungen, das Sterblichkeitsrisiko steigt um etwa 30 Prozent. Der durch Krankheitsausfälle entstehende volkswirtschaftliche Schaden ist noch gar nicht zu beziffern, wahrscheinlich geht er in die Milliardenhöhe.

Was haben Sie aus Ihrer Arbeit in der Enquete-Kommission gelernt?

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es jeden treffen kann, in jeder Lebenslage. Es gibt unzählige Auslöser: unerwartet sterben Lebenspartner, Kinder gehen aus dem Haus, durch Arbeitsplatzwechsel verlieren wir den Kontakt zu Freunden oder Nachbarn. Auch die Pflege von Angehörigen kann Einsamkeit zur Folge haben. Studierende fühlen sich in fremden Städten immer öfter einsam. Migranten, Alleinerziehende und Menschen mit sehr niedrigen Einkommen sind besonders betroffen.

- Advertisement -spot_img

More articles

- Advertisement -spot_img

Latest article